Insgesamt wurden sogar rund 1,7 Millionen Stunden zusätzlich gewerkelt, erklärt die Gewerkschaft NGG. Sie warnt vor der Abschaffung von geltenden Arbeitszeit-Regelungen.
(ty) Im Kreis Pfaffenhofen werden "ordentlich Überstunden" geschoben, heißt es von der Gewerkschaft "Nahrung, Genuss, Gaststätten" (NGG). Ihren Erkenntnissen zufolge haben die im Landkreis beschäftigten Personen im vergangenen Jahr rund 1,7 Millionen Stunden zusätzlich gearbeitet. "Davon rund 902 000 Überstunden zum Nulltarif – ohne Bezahlung", erklärt die Gewerkschaft. Sie beruft sich dabei auf den "Arbeitszeit-Monitor", der in ihrem Auftrag vom Pestel-Institut erstellt worden ist. "Allein in Hotels und Gaststätten im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm leisteten Köche, Kellnerinnen, Barkeeper & Co. im vergangenen Jahr rund 23 000 Überstunden."
Das habe das Pestel-Institut auf Basis einer Auswertung der Bundesagentur für Arbeit ermittelt. "Die Wissenschaftler haben dabei für den Kreis Pfaffenhofen bundesweite Durchschnittswerte von Arbeitszeiten in der Gastronomie herangezogen", erklärt die Gewerkschaft. "Demnach waren 52 Prozent aller im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm geleisteten Überstunden in Hotels, Restaurants, Gaststätten und Biergärten unbezahlt."
Die NGG warnt: "Der Überstundenberg im Kreis Pfaffenhofen dürfte demnächst noch größer werden." Grund seien Pläne der Bundesregierung, die Arbeitszeit neu zu regeln: "Schwarz-Rot will eine wöchentliche Höchstarbeitszeit und den Acht-Stunden-Tag abschaffen. Betriebe könnten von ihren Beschäftigten dann verlangen, auch zehn, elf oder in der Spitze sogar zwölf Stunden und 15 Minuten pro Tag zu arbeiten", sagt Rainer Reißfelder der als NGG-Geschäftsführer in der Oberpfalz auch das nördliche Oberbayern mitbetreut.
Die Gewerkschaft schlägt Alarm: Schon jetzt betrage die maximale Arbeitszeit 48 Stunden pro Woche. In der Spitze seien sogar 60-Stunden-Wochen möglich. "Das sind Extrem-Arbeitswochen. Selbst wenn so Hammer-Wochen innerhalb eines Vierteljahres ausgeglichen werden müssen", sagt Reißfelder. "Doch noch schlimmer wird es, wenn die Bundesregierung jetzt tatsächlich ans Arbeitszeitgesetz Hand anlegt und den Acht-Stunden-Tag kippt."
Dann würde seinen Worten zufolge nämlich nur noch das europäische Recht ein Wochen-Limit für die Arbeitszeit setzen. "Und das wäre brutal", warnt Reißfelder. "Arbeitgeber könnten ihre Beschäftigten dann sogar zu 73,5-Stunden-Wochen verdonnern – nämlich zu sechs Tagen à zwölf Stunden und 15 Minuten im Job. Das wäre fast das doppelte Wochen-Pensum von heute – und damit Arbeitszeit-Stretching pur."
Der NGG-Funktionär prophezeit: "Viele Arbeitgeber im Kreis Pfaffenhofen würden das hemmungslos ausnutzen. Es drohen dann völlig überladene Arbeitswochen, bei denen man die Stunden, in denen man nicht schläft, fast komplett im Job oder auf dem Weg zur Arbeit verbringt. Das macht Menschen dann aber fix und fertig. Außerdem würde dabei ein Riesenberg an Überstunden auflaufen. Und ans Abfeiern der Überstunden ist sowieso nicht zu denken – bei dem Fachkräfte-Mangel, der eigentlich überall herrscht."
Reißfelder spricht von einem "Arbeitszeit-Monopoly" der Bundesregierung. "Das ist wilde Zeit-Zockerei", schimpft er. "Für Beschäftigte bedeutet das: Arbeiten bis ans Limit – und darüber hinaus." Er habe dabei die Gesundheit der Beschäftigten im Blick, aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: "Nach acht Stunden Arbeitszeit steigt die Gefahr von Arbeitsunfällen rasant an. XXL-Arbeitstage bedeuten auf Dauer eine Belastung für den Körper und für die Psyche: von Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen bis zum Burnout."
Außerdem mahnt die Gewerkschaft: Wer die Familie, den Beruf und die Pflege von Angehörigen unter einen Hut bringen müsse, brauche vor allem eines – planbare und verlässliche Arbeitszeiten. Und die müssten auch zu den Betreuungszeiten von der Kita und vom Hort passen. "Denn wer holt die Kinder dort ab, wenn die Schicht zwölf Stunden geht?", fragt Reißfelder. Die geplante Aufweichung des Acht-Stunden-Tages gehe in die falsche Richtung, so die NGG. Schon heute jonglierten Familien zwischen Job, Kinderbetreuung oder der Pflege von Angehörigen.
"Längere Arbeitstage verschärfen die Probleme und verhindern eine gerechte Verteilung von Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Pflege", warnt Reißfelder. "Denn obwohl sich viele Väter wünschen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, wird durch noch längere tägliche Arbeitszeiten das Allein-Verdiener-Modell gestärkt." Anstatt das Fachkräfte-Potential von Frauen zu nutzen, verhinderten XXL-Schichten eine echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf, so die NGG.
Nach Angaben der Gewerkschaft werden aktuell 71 Prozent aller Teilzeit-Jobs im Landkreis Pfaffenhofen von Frauen gemacht. Sie beruft sich dabei auf Angaben der Arbeitsagentur. Reißfelder appelliert daher an die hiesigen Bundestags-Abgeordneten, dem "Herumschrauben am Arbeitszeitgesetz in Berlin einen Riegel vorzuschieben". Schon jetzt seien flexible Arbeitszeiten im Rahmen des Arbeitszeit-Gesetzes und durch Tarif-Verträge, die die NGG abgeschlossen habe, für viele Beschäftigte Alltag. "Noch mehr Flexibilität ist gar nicht nötig", findet Reißfelder.
Außerdem ersetzten Zehn- oder Zwölf-Stunden-Tage keine fehlenden Fachkräfte. "Gute Arbeitsbedingungen, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, systematische Qualifizierung und mehr Ausbildung. Das sind die richtigen Hebel für mehr Fachkräfte", sagt Reißfelder. "Verschiebereien bei der Arbeitszeit sind nichts anderes als das Löcher-Stopfen bei einer zu dünnen Personaldecke."