Interview mit Mike Weber (46): Der Chef des "Cannabis-Social-Club Hallertau" kämpft gegen eine Stigmatisierung der Konsumenten, erklärt, worum es seinem Verein geht, und plädiert für "verantwortungsbewussten" Umgang.
(ty) Die einen sprechen von einem "fatalen Signal für die gesellschaftliche Akzeptanz von Drogen" und befürchten mit dem Verweis auf gesundheitliche Folgen, vor allem für junge Menschen, einen Drogen-Boom mit erheblichen negativen Konsequenzen. Die andere Seite führt Argumente wie "besserer Jugendschutz", "Reduzierung des Schwarzmarktes" und "Entlastung des Justiz-Systems" ins Feld. Die seit dem vergangenen Jahr geltende Teil-Legalisierung von Cannabis wird nach wie vor sehr kontrovers diskutiert. Mike Weber gehört zur Gruppe derer, die das neue Gesetz befürworten. Der 46-jährige Marketing-Manager und Journalist ist Vorsitzender des "Cannabis Social Clubs Hallertau e. V." (CSC) mit Sitz in Baar-Ebenhausen und setzt sich für einen "verantwortungsbewussten Umgang mit Cannabis" sowie eine "neutrale und vorurteilsfreie Aufklärung der Gesellschaft" ein. Was steckt hinter diesem Verein? Und für welche Ziele tritt er ein? In einem Interview mit unserer Zeitung steht der CSC-Chef Rede und Antwort.
Cannabis-Social-Club Hallertau – bei dem Vereins-Namen dürfte so mancher gleich an eine Anbau-Vereinigung denken. Liegt man da richtig?
Weber: Nein, wir sind keine Anbau-Vereinigung und geben somit auch kein Cannabis an unsere Mitglieder ab. Der gemeinschaftliche Anbau war tatsächlich bei unserer Gründung 2023 mal eine Grundidee, die wir aber nicht weiter verfolgt haben. Wir haben als Verein andere Ziele und Zwecke.
Was genau sind denn die Ziele des Vereins?
Weber: Wir möchten vor allem das Thema Cannabis in die Öffentlichkeit und ein Stück weit auch in die Normalität holen; dafür arbeiten wir auf verschiedenen Ebenen. Aufklärung steht hier an oberster Stelle. Wir setzen uns für einen verantwortungsbewussten Umgang ein, kämpfen für eine vollständige Legalisierung in Form von Fachgeschäften, für einen sinnvollen und praxistauglichen Kinder- und Jugendschutz und die Beendigung der Stigmatisierung von Konsumenten. Und nebenbei sind wir ein sehr fröhlicher und ambitionierter Haufen an unterschiedlichsten Menschen aus der gesamten Region. Viele von uns sind selbst Konsumenten und Homegrower. Wir geben uns gegenseitig Tipps rund um Anbau und Konsum, zeigen uns auf Events und führen ein ganz normales Vereinsleben. Ein sozialer Club zum Thema Cannabis also.
In einem Audio-Beitrag Ihres Vereins sagen Sie, das Thema Cannabis werde in der Öffentlichkeit trotz der erfolgten Teil-Legalisierung kaum – und wenn, dann nur ganz verschroben – diskutiert. Sie sprechen von "Stigmatisierung" und "Kiffer-Klischee". Und Sie fordern eine offene, neutrale und ehrliche Aufklärung. Können Sie das konkretisieren?
Weber: Das ist einer unserer größten Kritikpunkte an der bayerischen Staatsregierung: Zur Teil-Legalisierung letztes Jahr konnte man es noch als Unwissen beschönigen – jetzt, ein Jahr später, hat es sich tatsächlich als Totalversagen herausgestellt, was hier von Söder, Gerlach & Co. kommt. Anstatt die Bevölkerung ehrlich und neutral über Cannabis aufzuklären, wird weiter eine ideologiegetriebene Hexenjagd veranstaltet, bei der auch uralte Klischees, Mythen und Fehlinformationen gestreut werden. Es werden unsinnige Zusatz-Gesetze erfunden, die zum Teil völlig nutzlos, manchmal sogar schlichtweg kontraproduktiv sind. Cannabis-Konsumenten werden immer noch als die dauergrinsenden, vergesslichen, langsamen Chiller hingestellt, die nichts auf die Reihe bekommen. Das ist absoluter Quatsch. Klar gibt es auch solche, genau wie beim Alkohol, aber das ist nicht der Durchschnitts-Konsument. Aber wenn das Thema durch die Politik von der Bevölkerung so gut es geht ferngehalten wird – woher sollen die Menschen es besser wissen? Unter anderem genau hier setzen wir an.
Wie sieht Ihre Öffentlichkeits-Arbeit aus?
Weber: Was die Bevölkerung betrifft, wollen wir uns offensiv präsentieren und ins Gespräch mit den Menschen kommen. Wir wollen unsere Ansichten und Argumente diskutieren, zeigen, dass der Durchschnitts-Konsument eben nicht der typische Klischee-Kiffer ist. Und vor allem wollen wir gerade hier in Bayern gegen die offenkundigen Lügen, oder sagen wir Tatsachen-Verdrehungen der Politik, kämpfen und die Menschen an echte Informationen heranführen. Zudem versuchen wir, auch politisch Dinge anzustoßen, wir sind auch offiziell als Interessen-Vertretung ins Lobby-Register des Landtags eingetragen. Hier geht es dann vor allem um den Ausbau der Legalisierung, die fehlenden Fachgeschäfte, Jugendschutz und eine Verbesserung des bisherigen Cannabis-Gesetzes.
Wie sind die Reaktionen, wenn Sie sich als Verein beispielsweise auf der Gewerbe-Messe in Manching einem größeren Publikum präsentieren? Da werden Sie sicher auch manch harsche Kritik zu hören bekommen, oder?
Weber: Unglaublich positiv. Wir hatten alle mit deutlich mehr Gegenwind gerechnet. Aber wir haben festgestellt, dass die Bevölkerung absolut wissenshungrig ist und sehr dankbar, endlich eine echte und auf Fakten und Zahlen basierte Aufklärung zu bekommen. An drei Tagen Gewerbe-Messe mit rund 50 000 Besuchern gab es tatsächlich nur ein einziges Paar, das extrem harsche Kritik geübt hat. Alle anderen, natürlich auch viele Kritiker, waren dem Thema gegenüber dennoch aufgeschlossen, haben sich die Infos, Fakten und Sichtweisen angehört. Und bei vielen Gesprächen wurde uns am Ende gesagt, nun anders über das Thema zu denken. Und zwar ohne durch uns erfundene Infos, sondern echte, belegte Fakten. Das ist es, was ich meinte: Anstatt Fakten zu veröffentlichen, werden von der Regierung Horror-Geschichten und subjektive Meinungen gestreut – das ist verwerflich und gefährlich. Anfang Juli wurden wir für ein weiteres Groß-Event in Ingolstadt, das Sommer-Festival der Fun-Arena am Audi-Sportpark, als aufklärender Teilnehmer eingeladen.
Was entgegnen Sie Leuten, die mit immer wieder geäußerten Argumenten wie "Drogen-Konsum ist generell gesundheitsschädlich und darf nicht vom Staat gefördert werden", "alle Drogen machen abhängig" oder "Cannabis ist nur eine Einstiegs-Droge, sie führt unweigerlich zum Konsum stärkerer Drogen" kommen?
Weber: Drogen-Konsum, und damit meine ich Cannabis genauso wie Alkohol, Nikotin, Heroin, Meth und Ähnliches , ist gesundheitsschädlich, da darf man nichts schönreden. Cannabis ist ein Rauschmittel, mit dem vorsichtig und verantwortungsbewusst umgegangen werden sollte. Aber da hilft kein Verbot, das hat sich mehr als deutlich gezeigt. Man muss aufklären, Freiheiten lassen, wo es angebracht ist, und trotzdem Kinder schützen. Das geht aber nur, wenn man das Thema nicht verbannt, sondern sich damit ernsthaft beschäftigt und vor allem einen Umgang damit findet, der in der Praxis auch funktioniert. Konkret bei Cannabis muss man aber auch im Blick behalten, dass es von unseren gängigen Volks-Drogen wissenschaftlich belegt die am wenigsten gefährliche ist, am wenigsten volkswirtschaftlichen Schaden anrichtet und am wenigsten gesundheitliche Schäden mit sich bringt. Dazu gibt es über Jahrzehnte gesammelte und ausgewertete Daten. Das kann auch die Staatsregierung nicht wegreden, auch wenn sie das regelmäßig versucht. Und das Thema 'Cannabis ist eine Einstiegs-Droge' ist bereits seit vielen Jahren ebenfalls durch Zahlen widerlegt: Es hat sich herausgestellt, dass die meisten Konsumenten harter Drogen nicht mit Cannabis, sondern bereits vorher mit Alkohol begonnen haben. Das möchte man nur vor allem in Bayern ungern wahrhaben. Aber Cannabis ist und bleibt ein Rauschmittel, das sich mitunter auf die Gesundheit auswirken kann.
Sie sagen, Alkohol sei die viel gefährlichere Droge, die in der Öffentlichkeit aber gerne verharmlost werde...
Weber: Das stimmt, dazu gibt es heutzutage bereits viele Untersuchungen und Belege. Schmerzhaft wird es für Liebhaber der Feierabend-Halben, wenn man sich die jüngste WHO-Studie von Ende 2023 zu dem Thema ansieht: Man weiß inzwischen, dass Alkohol bereits ab dem ersten Tropfen schädlich ist – und zwar deutlich schädlicher als Cannabis. Und was viele nicht wissen: Bier, Wein und Sekt darf in Anwesenheit der Erziehungs-Berechtigten bereits ab 14 Jahren getrunken werden. Meiner Meinung nach irre. Aber darum geht es uns gar nicht in erster Linie, wir wollen nicht den Alkohol verbieten, auch wenn es hier viel strengere Regeln geben sollte. Wir kämpfen nur dagegen an, dass Cannabis wie eine Höllen-Droge behandelt und der Kiffer sofort in eine bestimmte Schublade gesteckt wird, während es schon fast zum guten Ton gehört, eine kühles Helles zu trinken und unser bayerischer Ministerpräsident bei jeder Gelegenheit die Mass Bier in die Instagram-Kamera hält. Die Relation hinkt gewaltig und ist gegenüber dem verantwortungsvollen Durchschnitts-Konsumenten, der einfach gern zum Feierabend lieber Gras konsumiert anstatt Alkohol, sehr unfair.
Die Union, insbesondere die CSU, wollte eine Rücknahme der Cannabis-Teil-Legalisierung. Doch in den Koalitions-Vertrag wurde das Thema nicht aufgenommen. Stattdessen hat man sich darauf geeinigt, die Auswirkungen des neuen Gesetzes zu evaluieren. Was erwarten Sie von dieser Aufarbeitung durch Experten?
Weber: Hauptsächlich bin ich froh, dass für die Evaluierung eine Experten-Kommission eingesetzt wird, die sich wirklich mit dem Thema beschäftigt. Ich sehe der Evaluierung halbwegs entspannt entgegen, denn bereits jetzt zeigen harte Fakten und Zahlen, wie der Schwarzmarkt zurückgeht, während Apotheken-Verkäufe und Eigen-Anbau durch die Decke gehen. Und ich bin mir recht sicher, dass auch die zukünftigen Zahlen zeigen werden, dass die Teil-Legalisierung ein wichtiger erster Schritt war, der auch funktioniert – aber noch deutlich verbessert werden muss. Was etwas Sorgen macht, ist das Verdrehen von Statistiken oder Fehlinfos, die zur Meinungsbildung gestreut werden. Ich hoffe, dass die Experten es bei der Evaluierung schaffen, diese Beeinflussungs-Versuche im Keim zu ersticken und die Evaluierung faktenbasiert stattfindet. Die bayerische Gesundheits-Ministerin Judith Gerlach hat ja bereits gesagt, sie hoffe, dass die Legalisierung im Rahmen der offenen Evaluierung zurückgenommen wird, weil sie ein schlimmer Fehler sei. Daran sieht man, wie voreingenommen und ideologiegesteuert viele sind. Hier sind Tatsachen egal; und ginge es nach der CSU, wäre bei der Evaluierung nichts von offen und faktenbasiert zu spüren – man interessiert sich gar nicht für die Ergebnisse.
Sind Sie sicher, dass die Liberalisierung nicht doch wieder zurückgenommen wird?
Weber: Nein, sicher nicht. Aber es wäre schlichtweg dumm, das bisher Erreichte zurückzudrehen. Die Begründungen dafür wären für mich ad hoc kein Problem, würden aber den Rahmen hier sprengen. Jeder darf sich aber gerne an mich wenden, wenn er die Argumentationen hören möchte. Alles jetzt Erreichte ist besser als das, was wir die letzten 50 Jahre hatten – nämlich eine Prohibition, die genau das Gegenteil bewirkt hat und noch dazu Konsumenten in einen Schwarzmarkt getrieben hatte, der nachweislich gefährlich bis tödlich ist, durch gestrecktes Gras oder künstliche Cannabinoide. Von den Jugendlichen ganz zu schweigen. Über die freuen sich die Dealer im Park am meisten, da kann man noch gut verdienen und gleich an zusätzliche Drogen heranführen, die weitaus gefährlicher sind und sofort süchtig machen. Wer Jugendschutz möchte, Sicherheit für Konsumenten, eine Awareness schaffen und einen verantwortungsbewussten Umgang erwirken, der kommt um eine Legalisierung nicht herum.
Was ist Ihr Wunsch, in welche Richtung sollte die Diskussion um die Cannabis-Freigabe gehen?
Weber: Ich glaube daran, dass irgendwann mal der Joint oder der Verdampfer genauso normal werden wie die Feierabend-Halbe. Dass keine komischen Blicke mehr kommen, wenn man beim Grill-Abend sein Gras auspackt, während andere Wein und Bier trinken. Zum Abschluss vielleicht ein kurzer Ausflug nach Kanada, wo bereits vor einigen Jahren legalisiert wurde: Hier zeigen Studien, dass sich die mentale Gesundheit von Konsumenten messbar und nachweisbar verbessert hat, nur weil legalisiert wurde, weil die Konsumenten nicht mehr unter dem Verfolgungsdruck und Stigma stehen. Um gesellschaftsfähig zu werden, braucht es aber auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Und dafür kämpfen wir und gehen gerne mit jedem ins Gespräch, der Lust darauf hat. Egal, ob Konsument oder Cannabis-Gegner, wir stehen immer für Gespräche zur Verfügung.
Das neue Konsum-Cannabis-Gesetz
Mit dem voriges Jahr verabschiedeten Cannabis-Gesetz wird der private Eigen-Anbau durch Erwachsene sowie der gemeinschaftliche, nicht-gewerbliche Eigen-Anbau von Cannabis in Anbau-Vereinigungen zum Eigenkonsum legalisiert. Laut Paragraf 3 des Gesetzes dürfen volljährige Personen zum Eigen-Konsum bis zu 50 Gramm Cannabis zu Hause besitzen; mitgeführt werden dürfen lediglich 25 Gramm. Das Cannabis muss immer vor dem Zugriff Dritter und Kinder geschützt sein. Und es wurden Konsum-Verbots-Zonen, beispielsweise in der Nähe von Schulen oderKindergärten, tagsüber auch in Fußgängerzonen, festgelegt.
Zu Hause ist der private Eigen-Anbau von bis zu drei Pflanzen pro volljähriger Person erlaubt. Auch hier müssen die Pflanzen (und Samen, Stecklinge etc.) in irgendeiner Weise vor Zugriff gesichert werden. Es gilt ein absolutes Werbeverbot für Cannabis und dessen Konsum. Für Cannabis-Samen gibt es keine Mengen-Begrenzungen, der Umgang damit – auch im Handel – ist legal. Allerdings ist die Einfuhr von Samen nur aus EU-Mitglieds-Staaten erlaubt.
Das "Gesetz zum Umgang mit Konsum-Cannabis" findet man auf der Internet-Seite des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz unter diesem direkten Link. Antworten auf viele weiteren Fragen rund um das Cannabis-Gesetz gibt es auf der Internet-Seite des Bundesministeriums für Gesundheit unter diesem direkten Link.