Langfinger-Bande schlug nach Spionage-Aktion im Kreis Eichstätt zu. Erbeutet wurde ein besonders prächtiger Stamm, der aber auch extrem kompliziert zu stehlen war. So lief die Aktion.
(ty) Ein Maibaum, so raffiniert eingelagert, dass ihn eigentlich niemand klauen kann – das ist eine so große Herausforderung für die Burschen-Vereine von Wolnzach-Königsfeld und Reichertshausen-Steinkirchen gewesen, dass sie einem Versuch nicht widerstehen konnten. In einschlägigen Kreisen machte die Geschichte um das ganz besondere Prachtexemplar die Runde: über 30 Meter lang, mit stattlichem 50er-Zopf und vor allem bestens gesichert. Der komplette Hof digital überwacht, die einzig mögliche Passage ein Fenster, kaum größer als ein Badezimmer-Spiegel und dazu noch 1,80 Meter über dem Boden. Wer hier einen Maibaum rausbekommen will, braucht also eine ziemlich gute Idee.
Zur Tat schritt man nach eigenem Bekunden am vergangenen Sonntag, irgendwo im Raum Eichstätt. Eine nähere Ortsangabe wollen die Protagonisten nicht öffentlich machen. Gemeinsam sei ein erster Erkundungs-Trupp losgeschickt worden. Was die Späher vorfanden, habe den Mythos bestätigt: Der Baum sei nicht nur groß, sondern auch gut verbarrikadiert. Trotzdem sei die Entscheidung schnell gefallen: "Nach erster Begutachtung, gemeinsam mit dem Burschen-Verein aus Steinkirchen, beschlossen wir, dass wir die Challenge annehmen", berichtet Patrick Promberger, der Chef der Königsfelder Burschen. Noch in derselben Nacht wurde improvisiert.

Gegen 1 Uhr morgens waren rund 15 Mann zusammengetrommelt – "keine leichte Aufgabe zu dieser Uhrzeit", sagt Promberger. Der Einstieg zum Objekt der Begierde sei unauffällig durchs Fenster gelungen, doch drinnen folgte die Ernüchterung: Eine Wand aus massiven "Beton-Legosteinen" habe den Abtransport des Baumes durchs Fenster versperrt. Die Blöcke seien schlicht zu schwer gewesen, um sie mit der Kraft der am Ort vorhandenen Burschen zu bewegen. "Wir mussten ziemlich schnell feststellen, dass wir mit 15 Leuten total unterbesetzt sind, um eine Wand aus vier Beton-Legosteinen übereinander, die den Weg für den Baum in die Freiheit schützen, zu bewegen", erklärt Promberger.
Der erste Versuch scheiterte – vorerst. Stattdessen wurde den Angaben zufolge ein Fenster präpariert, der Rückzug angetreten und ein neuer, deutlich ambitionierterer Plan geschmiedet. Eine Nacht später kehrte zunächst ein Spionage-Trio zum Tatort zurück. Die größte Sorge bereits auf der Anfahrt: Ist das präparierte Fenster entdeckt worden? Fehlanzeige. Alles sei noch genauso gewesen, wie man es hinterlassen habe. Kurzerhand folgt Verstärkung: Mehr als 30 Mann seien schließlich bereit gestanden – mit einer ordentlichen Portion an Entschlossenheit. Der schwierigste Teil begann allerdings schon vor der eigentlichen Aktion.

Es galt, die Akteure unauffällig in eine Halle zu bringen, die mitten an einer Hauptstraße liegt. Doch auch das sei gelungen. Drinnen sei angepackt worden: Die auf ein Gewicht von etwa sieben Tonnen geschätzten Beton-Legosteine seien mit Holzbalken gedreht und verschoben worden – Millimeterarbeit mit Muskelkraft. "Nachdem wir uns den Baum in der Halle so zurechtgerückt hatten, dass wir im optimalen Winkel aus dem Fenster kamen, was schwierig war, da sich direkt gegenüber eine vier Meter hohe Wand befand, starteten wir den spannendsten Teil, und zwar den Baum aus dem Fenster zu bekommen", erläutert Promberger.
Zentimeter für Zentimeter, Meter für Meter schob sich der Koloss – laut Schilderung der Protagonisten – mit Hilfe von extra angefertigtem Spezialwerkzeug durch das viel zu kleine Fenster. Draußen habe bereits das "Empfangs-Team" gewartet. Überraschend reibungslos, fast schon elegant, glitt der Maibaum angeblich in die Freiheit – und das alles, ohne entdeckt zu werden. Nach rund drei Stunden sei klar gewesen: Mission erfüllt. Der Baum sei erbeutet. Bereits am nächsten Tag, so heißt es weiter, meldeten sich die bestohlenen Besitzer. "Wie habt ihr diesen Baum nur dort rausgebracht, ohne aufzufallen, da zum Einlagern jedes Mal schweres Gerät und Geduld benötigt wurden, um ihn dort überhaupt rein zu bringen", sei er gefragt worden, amüsiert sich Promberger.

Nach der spektakulären Aktion sei, ganz traditionell, eine kurze, faire Verhandlung erfolgt, die der Chef der Steinkirchener Burschen, Julian Magg, souverän geführt habe. Man einigte sich der Schilderung nach schnell auf eine großzügige Auslöse – und sogar darauf, den Baum zurückzubringen und ihn dann mit gemeinsamer Kraft wieder einzulagern. Nur zwei Tage nach dem spektakulären Coup kehrte der Maibaum laut Bericht der Diebes-Truppe unter deutlich entspannteren Bedingungen zurück an seinen ursprünglichen Platz. Zum krönenden Abschluss habe die örtliche Feuerwehr sogar noch zusätzlich mit einer überraschenden Brotzeit aufgewartet.
Die Einheimischen wussten laut Mitteilung der Langfinger-Bande übrigens zu berichten: Ihr Maibaum sei seit Jahrzehnten nicht mehr gestohlen worden. Das letzte Mal? Sehr lange her! Damit ist für die Burschen-Vereine von Königsfeld und Steinkirchen klar: Dieser Handstreich war nicht nur ein gelungener Start in die Maibaum-Saison 2026, sondern wieder ein kleines Stück bayerischer Brauchtums-Geschichte. "Wir bedanken uns bei den Beklauten recht herzlich für die netten Gespräche am Telefon, den herzlichen Empfang beim Zurückfahren, die Überraschungs-Brotzeit und die friedliche Verhandlung der Auslöse", freut sich Promberger über das erste Husarenstück in der diesjährigen Maibaum-Zeit.





